Auf den ersten Blick mag es Befremden auslösen, wenn man das Zusammenleben von Menschen mit dem Wechselspiel von Molekülen, Elektronen oder Ameisen vergleicht. Doch es gibt durchaus Grund zur Annahme, dass uns in der Art und Weise, wie es hier zu Entwicklungen und Veränderungen kommt, ähnliche Muster begegnen. Sowohl in den Geistes- und Sozialwissenschaften als auch bei Naturwissenschaftlern und Technikern gibt es Bemühungen, die bei der Beobachtung spezieller komplexer Systeme gewonnenen Erkenntnisse, auf unserer Gesellschaft zu übertragen. Dass unser menschliches Zusammenleben ein buchstäblich komplexes System darstellt, ist offensichtlich. Trotzdem herrscht alles andere als Einigkeit darüber, ob oder wie es als solches behandelt werden kann.

Das liegt sicherlich auch an den ethischen oder allgemein den philosophischen Fragen, die dabei aufgeworfen werden. Nun gibt es durchaus eine philosophische Auseinandersetzung mit dem Thema Komplexität und Kybernetik. Aber um wirkliche Antworten zu finden, sollte es neben einem Philosophieren über Komplexität vor allem auch eine Philosophie der Komplexität geben, also eine, die selbst nach eben jenen Mustern funktioniert. Davon ist weit und breit nichts zu sehen und zu hören.

Diese Versuche, unser Leben in den verschiedensten Gemeinschaften als komplexes System zu verstehen, sind sicherlich beachtenswert. Doch abgesehen von der längst nicht geklärten Frage, welches die charakteristischen Muster einer allgemeinen Komplexität sind und was das für die Gesellschaft als System bedeutet, will ich noch etwas ganz anderes wissen. Für mich muss eine Theorie der Komplexität sozialer Systeme nicht nur die Dynamik von Gemeinschaften, Organisationen und Unternehmen erklären.

Immer den gleichen Mustern folgend, muss ich sie auch in meinem Leben wieder finden. Denn auch das lässt sich als ein System verstehen. Mich interessiert mindestens ebenso die Frage, wie mir ein Wissen über Komplexität beim Ausfüllen meiner Steuererklärung oder bei der Behandlung meines schmerzenden Rückens hilft, und nach welchen systemischen Kriterien und Strategien ich am besten einen Beruf wähle oder einen Partner finde?

Vor dem Hintergrund dieser Fragen habe ich ein eigenes Modell entwickelt ...